in Zusammenarbeit mit Studio Reinhard Voigt Berlin, Susanne Neubauer und Sarah Seyring, kuratiert von Leonie Herweg
Man kann immer dies behaupten: Der Übergang vom Traum zum Erwachen bringt uns
nicht die Empfindungen, die im Traum schon vorhanden sind; und nach dem Erwachen
dauern die Illusionen weiter an (zum Beispiel bestickt man die Räderwerke des
Erwachens, statt ein Phantom zu besticken).
(Simone Weil)
Der Text als Bild und umgekehrt, bröckelnde Universalität des Rasters, eine Teilung, die
verschwimmt
Badelatschen, eingekachelt
Ich denke an Adornos viel geschmähten Aufsatz über Jazz und denke: Qualitätsunterschiede,
jeder landet im Laufe des eigenen Werkes mal einen Griff im Klo.
Ich denke daran, dass die Kenntnis dieses Adornozitats fast ins popkulturelle Bewusstseins
vorgedrungen ist.
Ich denke: what a time to be alive
Als ich gefragt werde, einen Text zur Ausstellung zu verfassen, bin ich damit beschäftigt, die
Wohnung meiner kürzlich verstorbenen Großmutter auszuräumen. Über die Massen an mit
Kreuzstich bestickten Tischdecken, die sich gefaltet türmen, bin ich fassungslos. Unzählige
Stunden von Handwerk, Aussteuer, der ganze Stolz der Frau. Kreuzstich und Raster, denke:
Logik der Normierung
Ich, die ihre eigenen Schuhe wider besseren Wissens meist eine Größe zu klein bestellt, lese
im Internet:
Mit dem immer selben Modell der Marke Florsheim Shoes beschenkt der US-Präsident seine
Mitarbeitende im Weißen Haus neuerdings unaufgefordert. Ich lese davon, dass diese fast
immer zu groß seien. Ob es daran liegt, dass sich Trump, der am Erraten von Schuhgrößen
Spaß zeigt, verschätzt, oder an männlicher Angst auf seine Aussage gründend, man könne über
einen Mann viel anhand seiner Schuhgröße erfahren, ist unklar.
Ich denke, dass die Einteilung in angewandte und hohe Künste uns längst schon obsolet
erscheint, ich denke:
eine Aufteilung des Sinnlichen (Rancière) in der Lifestyle-Teilzeit, immer zwei Dinge
gleichzeitig zu tun, denke:
dass die Auflösung ästhetischer Regime im autoritären Turn der Politik sich zu revidieren
droht, denke: Logik der Normierung.
Ich denke: what a time to be alive.
Anna-Sophie Berger (*1989, Wien) lebt und arbeitet in Wien und Berlin. Sie studierte Modedesign und Transmediale Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien. Sie arbeitet medienübergreifend mit einem Schwerpunkt auf Textil und Skulptur und untersucht, wie Regime des Begehrens materiell in Kleidung, Wohnraum und industrieller Produktion eingeschrieben sind. Ausgehend von einer intensiven Auseinandersetzung mit historischer und zeitgenössischer Kunst legt ihre Praxis den Fokus auf visuelle und formale Lösungen anstelle einer rein repräsentativen Darstellung dieser Themen. Einzelausstellungen fanden unter anderem in der Art Hall, Baltimore (2026); im MAK, Wien (2023); im Bonner Kunstverein, Bonn (2020); im Cell Project Space, London (2019); im MUMOK, Wien (2016); im Kunsthaus Bregenz (2016); bei Ludlow 38, New York (2015); bei White Flag Projects, St. Louis (2015); sowie im Belvedere 21, Wien (2014) statt. Zudem war sie in Gruppenausstellungen u. a. im Chicago Cultural Center, Chicago (2026); in der Pictures Collection der Akademie der bildenden Künste Wien (2022); im The Glucksman, Cork (2022); im MACRO Museum, Rom (2021); im MAK, Wien (2019); in der Kunsthalle Wien (2019); im Frans Hals Museum, Haarlem (2018); im S.M.A.K., Gent (2018); im Contemporary Art Centre, Vilnius (2018); in der Kestner Gesellschaft, Hannover (2017); sowie im Kunstverein München (2017) vertreten. Sie erhielt den Ars Viva Preis für Bildende Kunst (Deutschland, 2017), den Kapsch Contemporary Art Prize (Österreich, 2016) sowie ein Pollock-Krasner-Stipendium (2023).
Reinhard Voigt (*1940, Berlin) ist Maler und Keramiker, dessen Werk sich über mehr als fünf Jahrzehnte erstreckt. Nach einer Ausbildung als Keramiker studierte er Malerei bei Gotthard Graubner, Gerhard Richter und David Hockney an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, wo er das Raster als zentrales Element seiner künstlerischen Praxis entwickelte. Voigts Arbeiten zeichnen sich durch dichte, aus kleinen farbigen Quadraten aufgebaute Bildstrukturen aus, die die Logik digitaler Pixel vorwegnehmen. Zwischen Abstraktion und Figuration angesiedelt, greift er auf Bildquellen aus Fotografie (meist seiner eigenen) und allem anderen zurück und entwickelt eine eigenständige Bildsprache zwischen deutscher Nachkriegsmalerei und amerikanischer Pop Art. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt, darunter eine umfassende Überblicksausstellung im Neuen Museum Nürnberg. Werke von Reinhard Voigt befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen, u. a. im Kunstmuseum Stuttgart, in der Sammlung des Landes Baden-Württemberg, im Wilhelm Hack Museum Ludwigshafen und dem Museum of Modern Art New York.
Text von Sophia Eisenhut
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